Schwierige Gefühle anerkennen
Im Gesundheitswesen entstehen täglich intensive emotionale Reaktionen – auf Patient:innen, Angehörige, Kolleg:innen, auf das System. Viele davon gelten als „unprofessionell“: Ekel, Scham, Wut, Hilflosigkeit, Ambivalenz. Doch unterdrückte Gefühle verschwinden nicht. Sie wirken – im Körper, im Verhalten, in der Beziehungsqualität. Gefühle anzuerkennen bedeutet nicht, ihnen nachzugeben, sondern: sie wahrzunehmen, zu verstehen und bewusst zu handeln.
Warum das Thema wichtig ist:
Emotionale Reaktionen sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von Menschlichkeit und professioneller Präsenz. Die Emotionsregulationsforschung (Gross, 1998) zeigt: Wer Gefühle unterdrückt (Suppression), erlebt höhere physiologische Belastung und schlechtere Entscheidungsqualität. Wer sie hingegen wahrnimmt und reguliert (Reappraisal), bleibt handlungsfähiger und resilienter. Besonders Tabugefühle wie Ekel oder Scham brauchen einen sicheren Rahmen – innerlich und im Team – um integriert werden zu können, ohne professionelles Handeln zu beeinträchtigen.
Zentrale Grundlagen
- Emotionen als Information: Gefühle sind keine Störfaktoren, sondern Signale. Sie zeigen, was wichtig ist, was verletzt wurde, was gebraucht wird. Das Wahrnehmen ohne sofortiges Bewerten ist der erste Schritt zu bewusstem Handeln.
- Ambivalenztoleranz: In der Pflege und Medizin entstehen häufig widersprüchliche Gefühle gleichzeitig – Fürsorge und Überdruss, Mitgefühl und Distanz, Engagement und Erschopfung. Diese Ambivalenz auszuhalten, ohne sie aufzulösen, ist eine zentrale emotionale Kompetenz.
- Tabugefühle: Ekel und Scham: Ekel ist eine natürliche Schutzreaktion und bei körperbezogener Pflege äusserst häufig. Scham entsteht oft, wenn das eigene Handeln dem professionellen Selbstbild nicht entspricht. Beide Gefühle werden selten besprochen – obwohl sie Burnout und ethischen Stress begünstigen.
- Innerer Konflikt und Selbstregulation: Wenn Werte, Handlungen oder Rollenerwartungen kollidieren, entsteht innerer Konflikt. ACT (Acceptance and Commitment Therapy, Hayes et al., 2006) bietet wirksame Strategien: Akzeptanz des Erlebens, Defusion von belastenden Gedanken und wertegeleitetes Handeln trotz schwieriger Gefühle.
Praktische Impulse für den Alltag
Quellen & weiterführende Literatur
Epstein, R. M. (2017). Attending: Medicine, Mindfulness, and Humanity. Scribner. | Greenberg, L. S. (2002). Emotion-Focused Therapy. APA. | Gross, J. J. (1998). The Emerging Field of Emotion Regulation. Review of General Psychology, 2(3), 271–299. | Hayes, S. C., Luoma, J., Bond, F., Masuda, A., & Lillis, J. (2006). Acceptance and Commitment Therapy. Behaviour Research and Therapy, 44(1), 1–25. | Nussbaum, M. C. (2004). Hiding from Humanity: Disgust, Shame, and the Law. Princeton University Press. | Winnicott, D. W. (1949). Hate in the Counter-Transference. International Journal of Psychoanalysis, 30, 69–74.
